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LIMETTENPHILOSOPHIE

Leonie Lindt

Morgenregen. Zuggleiswartemoment. Die Stadt kühl in Taubenblau, halbwach schon im Vorbeilaufen. Ein Fahrstuhl räuspert sich. Durch das Glas sehe ich, wie Licht aus einer Reklame tropft. Lautsprecherverkündungen spielen ihren gewohnten Kanon.

Ich gehe am Gleis entlang. Das Klacken meiner Stiefel verliert sich im Rauschen abfahrender Bahnen und im Stimmengewirr der Wartenden.

Auf dem Gehweg liegt eine zerdrückte Limette, die nach einer Farbe riecht, die es im Obstregal nicht gibt – ein säurelichtiges Grün. Ich bleibe kurz stehen, zu lange wahrscheinlich eigentlich. Die Frucht zieht Fliegen an wie winzige Umlaufkörper. Ein großartiges kleines Zittern von Eigenleben im Saft der vielbetümmelten Straße.

Jemand mit Kopfhörern, Blick geneigt, schneidet schnell hinter mir vorbei, stößt fast in mich hinein, macht einen langen Ausweichschritt – fast in die Limette. Die Fliegen verziehen sich sofort. Orbitverlust. Einsame Limette.

Manchmal glaube ich, die Welt tut so, als wäre alles korrekt montiert: Straßenrand, Gleissystem, Ampelrhythmus, Kaffeebecherarchitektur im Mülleimer, Menschen in zielgerichteten Bewegungen. Selbst die Taube neben mir hat offenbar einen Plan und läuft entschlossen auf die nächste Bank zu. Ich nicht.

Aber dann eine kleine Entrückung wie diese, eine Minimalverschiebung im Gefüge. Als hätte jemand die Realität kurz gelockert, eine Schraube vielleicht im Hintergrund. Dann rutschen die Dinge aus ihrer Funktion. In solchen Momenten bemerke ich mich selbst. Es fühlt sich kurz alles echter an.

Die Limette – Säurewunde am Boden – ist nicht mehr Obst. Sie atmet. Außer Funktion. Ungeplant wie ein Ausweichschritt.

Wie stehen bleiben bei etwas Flüchtigen, bis es anfängt zurückzublicken… Denke ich in diesem kurzen Echt.

Der Regen sammelt sich in ihren Fruchtkammern.

Metallwind reißt mich aus meiner Limettenphilosophie. Die Bahn fährt ein. Als ich noch einmal zurücksehe, ist sie schon wieder fast gewöhnlich. Nur dieses Grün arbeitet noch leise gegen die Ordnung. Und ich steige ein. 

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