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DIE GESCHICHTE VOM GLEICHALTRIGEN
Marlene Roberta
Berge von Müll bereiten ihm auch heute noch physische Schmerzen. Er will am liebsten alles verwerten.
So stand es damals in der Zeitung, als sie den ersten Bericht über den Gleichaltrigen veröffentlichten. Das stimmte aber nicht ganz, denn er hätte das, was sich da auftürmte niemals Müll genannt. Müll war für ihn ein angerotztes Taschentuch. Oder eine Zigarettenkippe. Aber doch kein Berg voller Rohstoffe.
Er war gerade in den Kindergarten gekommen, als er zum ersten Mal ein Bewusstsein für die Kostbarkeit von Rohstoffen entwickelte. Er konnte sich nicht mehr ganz genau an den Moment erinnern, in dem es angefangen hatte. Vielleicht war es ungefähr zur selben Zeit passiert, in der er aufgehört hatte, seine Eltern Mama und Papa zu nennen.
Jedenfalls war es ihm seitdem unmöglich, irgendetwas zu entsorgen, was noch zu gebrauchen war. Und zu gebrauchen war eigentlich fast alles.
Jedes Bonbonpapier, jede Osterhasenverpackung, jedes Smartie-Röhrchen wurde aufgehoben. Nikolausfolien vorsichtig abgeschält, mit dem Finger glatt gebügelt und anschließend in leeren Eiscreme-Dosen verwahrt.
Es wurde sich mit der Kindergärtnerin angelegt, um Geschenkpapier behalten zu dürfen und Postkarten aus dem Müll gefischt, wenn jemand mal wieder den Briefkasten mit dem Altpapier-Container verwechselt hatte.
Noch bevor er selbst schreiben konnte, verschenkte der Gleichaltrige Geburtstagskarten an ratlose Verwandte, verziert mit buntem Maoam-Papier und einem kleinen lilafarbenen Osterhasen, ohne ein Happy Birthday, dafür mit einem etwas oberflächlichen Bericht über den Strand und das Wetter in Italien. Nach einem überschwänglichen Dank jedoch wanderte die Karte dann bei der nächsten Gelegenheit in den Restmüll. Das hatte er aber erst verstanden als er eines Tages beim Durchforsten des Mülleimers nach brauchbaren Materialien seine Geburtstags-Collage darin entdeckte.
Ab diesem Zeitpunkt stellte er das Verschenken jeglicher Grußkarten ein und niemand fragte je weiter danach.
Die Verletzung saß tief, doch das Sammeln und Sortieren von Dingen, die andere Müll nannten, betrieb er weiterhin. Füllte ganze Schränke, Kisten, Schuhkartons damit.
Sortierte nach Farbe, Größe, Thema, Substanz.
Was sein Vater früher als süße Eigenschaft verbucht hatte, begann ihn nun zu nerven. Er schimpfte immer öfter, drohte ihm an, mit großen Müllbeuteln zu kommen und Tabula rasa zu machen. Der Gleichaltrige schrie ihn dann an, das sei sein Zimmer und der Vater habe darin absolut gar nichts verloren. Und dann zogen beide beleidigt ab und für eine Weile wurde das Thema nicht mehr angeschnitten. Bis sich das Ganze wiederholte.
Als der Gleichaltrige in die neunte Klasse kam, musste er sich zum ersten Mal vom Vater anhören, er solle sich einen Lagerraum mieten. Da könne er dann den ganzen Müll reinstopfen. Die Mutter fand das übertrieben. Wusste doch jeder, dass die Lagerraum- Miete für alle Beteiligten unbezahlbar wäre.
Außerdem bemerkte sie etwas, was der Vater nicht sah: die Besonderheit der Kunstwerke, die der Gleichaltrige täglich mühevoll aus dem Verpackungsmüll zusammen baute. Abstrakte Formgebilde, winzige architektonische Wunder-Werke, Städte bedeckt mit metallischem Glanz.
Sie war es auch, die ihm erlaubte Hier bitte Reklame einwerfen an den Briefkasten zu kleben, woraufhin ein heftiger Streit mit dem Vater entbrannte. Die Mutter blieb standhaft und so musste sich der schimpfende Vater mit wöchentlichen Stapeln von Werbeprospekten arrangieren, die sich auf dem Briefkasten auftürmten, bis er sich er sich unter der Last durch bog.
Wir saßen auf einem mit Haribo-Tütchen versiegelten Balkon aus Pappe und Schrankrückwänden als wir den Bericht lasen. Ich war immer gern bei ihm zu Besuch. Weil jedesmal wenn ich kam ein neues Stückchen Haus angebaut war.
Mit gerade mal 16 Jahren baute der Gleichaltrige das erste Zimmer aus Werbung, nur ein Jahr später das erste Haus. Die Hass-Liebe zum Abfall war dem Messie in die Wiege gelegt.
Er sagte nichts zu der fragwürdigen Auseinandersetzung mit seiner Arbeit, außer, dass Künstler*innen grundsätzlich missverstandene Einzelgänger*innen seien und das was nicht stimme falls nicht. Er war nämlich auch ein bisschen eingebildet. Ich dachte damals, das musste man wohl sein, wenn man von niemandem verstanden wurde. Und war traurig, dass es nicht genug zählte, dass ich ihn verstand. Dann hätte er ja nicht so sein müssen. Aber dann wäre er wohl auch kein guter Künstler gewesen.
Ich blickte über die Umzäunung aus Zahnbürsten in den Innenhof mit dem riesigen Kastanienbaum und als ich wieder zu ihm sah, hatte er aus dem Zeitungsbericht einen Aschenbecher geformt.
Ich will aus etwas Schlechtem etwas Gutes für alle machen.
Das sagte er viele Jahre später in einem Fernseh-Interview, als wir längst keinen Kontakt mehr hatten. So hatte ich nie über ihn gedacht. Ich mochte ihn, weil er keine bunten Frauen-Gesichter malte. Sein Schaffen hatte ich immer als eine persönliche Notwendigkeit interpretiert.
Leute, die ihn nicht privat kannten, nennen den Gleichaltrigen heute Messie-Ass. Ich find das geht zu weit.
Es war cool, dass er Häuser aus Werbung baute, aber er tat es nicht aus edler Liebe zu den Menschen, sondern weil er nicht anders konnte. Dass er damit zum Revolutionär des Wohnungsmarktes wurde, hatte er nie beabsichtigt - es war einfach passiert.
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